Eine Branche ringt um Haltung
Öko-Landbau. Jemand schreibt einen Song, ein guter Sänger intoniert ihn, und es wird ein Hit. Mit der Zeit kommen dann nach und nach jede Menge Neu-Interpretationen – sogenannte »Cover-Versionen«, die für den einen oder anderen fast besser klingen als das Original. Nicht anders ist es mit der ökologischen Landwirtschaft.
Auf aktuelle Fragen hat sie interessante Antworten: Biodiversität, Gewässergüte, Kreislaufwirtschaft... Viele Betriebe haben das Konzept erfolgreich umgesetzt, in den frühen Jahren ausnahmslos als bäuerliches Gemischtsystem. Aber damit ist die Palette an Interpretationsmöglichkeiten nicht ausgeschöpft. Neue Cover-Versionen übersteigen das bisherige Vorstellungsvermögen vom Öko-Landbau. Da gibt es reine Ackerbaubetriebe, die nur auf Leguminosen-Vorfruchtbasis arbeiten. Es gibt regionale Verbundwirtschaften zwischen Bio-Ackerbauern und -Tierhaltern und sogar überregionale Kooperationen in puncto Hühnertrockenkot und Champost. In diesen Fällen wird oft gesagt: »Aber das ist ja gar nicht das Original!« Stimmt – das Original klingt anders, aber für manch einen klingen die neuen Versionen mindestens ebenso gut. Sie passen auch besser zur Vielfalt der Landwirtschaft in Deutschland.
Nicht nur die Art, wie man diese Landwirtschaft betreibt, sondern auch die Vermarktung der Produkte ruft aktuell Stirnrunzeln hervor. Klassische Bio-Bauern mit Direktvermarktung und Bioläden ringen regelrecht um »Haltung« gegenüber den aktuellen Bio-Initiativen bei Lidl, Aldi, Rewe und Co. Und auch konventionelle Berufskollegen fragen die Bio-Branche: »Seid ihr euch sicher, dass ihr im Discounter richtig aufgehoben seid?«
Fakt ist, dass der Bio-Anteil der Landwirtschaft in Dänemark und Österreich schon ist, wo wir vielleicht erst noch hinwollen: bei 15 bis 20 %. Gleichzeitig ist in diesen Ländern der Vermarktungsanteil über den Supermarkt oder Discounter ebenfalls höher als bei uns. Am Ende wird wie so oft kein Entweder-oder bei den Betriebsstrukturen und Vertriebswegen stehen, sondern ein Sowohl-als-auch.
Allerdings dürften wohl auch bei uns die größeren Anteile der Bioprodukte spezialisiert erzeugt und über den mehrstufigen Handel vermarktet werden. Dann muss man gleichzeitig einräumen, dass die landwirtschaftliche Erzeugung für diese Vertriebswege in einem klaren unternehmerischen Wettbewerb der Betriebe und Regionen stattfindet. Für Biolandwirte (und die es noch werden wollen) ist das ein starkes Argument dafür, die eigenen Voraussetzungen und Stärken zu kennen und die Betriebe entsprechend auszurichten.
Ökolandbau und -vermarktung werden vielfältiger aussehen, als wir das bisher gewohnt sind.