Im Zentrum der Ökowelt
Zweimal hintereinander Öko-Feldtage oder die Uni in Witzenhausen: Wenn das nicht den Ökolandbau in Hessen nach vorn bringt!? Treibende oder hemmende Kräfte waren bisher wie überall eher die Betriebsstrukturen und Pachtpreise. Ursache für die hohen Ökoanteile sind vor allem die ausgedehnten Grünlandregionen, zeigt Gustav Alvermann.
Hessen – ein Bundesland fast zentral in Deutschland – hat auch für den ökologischen Landbau eine zentrale Bedeutung. Es folgt dem Saarland im Ranking der Bundesländer im Bioflächenanteil mit ca. 16 % an zweiter Stelle. Die bisher drei Öko-Feldtage fanden in den beiden Bioversuchsbetrieben des Landes statt: In Frankenhausen bei Kassel in den Jahren 2017 und 2019 und auf dem Gladbacherhof bei Limburg in 2022. Die Uni Kassel richtete bereits 1981 den ersten deutschen Lehrstuhl für Biolandwirtschaft in Witzenhausen ein, und die Politik hat mit 25 % Bioflächenanteil bis 2025 ein vergleichsweise ambitioniertes Ziel gesetzt. Die Offizialberatung hat ein Kompetenzteam speziell dafür ausgebaut, und jüngst wurden auch landesweit Biomodellregionen eingerichtet.
Aber sind all diese Fakten auch die Ursache für den hohen Zuspruch von Landwirtinnen und Landwirten? Allein die Frage lässt erahnen: Das allein wird es kaum sein. Hinter jedem Zehntelprozent an Bioflächenanteil verbergen sich unternehmerische Entscheidungen. Wer das Geldverdienen in der Landwirtschaft aus eigenem Erleben kennt, der weiß: Umstellungen passieren nicht, weil sie gerade angesagt sind oder weil das ein paar Aktivisten toll finden. Bei aller Begeisterung für das Neue müssen sie auch eine unternehmerische Chance bergen.
Regionale Differenzierung. Betrachtet man auf der Karte die fünf Landkreise mit den wenigsten Bioanteilen, so findet man diese im südlichen Landesteil. Die fünf Landkreise mit den höchsten Bioflächenanteilen gruppieren sich dagegen eher im hessischen Bergland. Der Lahn-Dill-Kreis hat mit 41,7 % nicht nur in Hessen, sondern in ganz Deutschland auf Landkreisebene den höchsten Bioanteil. Hier kommen Faktoren zusammen, die diesen Weg begünstigen. Auch die Nachbarkreise mit ähnlichen Bedingungen – Siegen-Wittgenstein (NRW) und der Westerwaldkreis (Rheinland-Pfalz) – haben mit 34 % bzw. 30,4 % viel Biofläche. Diese Region weist einen sehr hohen Anteil an natürlichem Grünland auf. Dieses wird meistens extensiv bewirtschaftet; dann ist der Übergang zu »Öko« keine große Klippe mehr. Hessen hat ohnehin im Vergleich zum Bundesschnitt einen um 10 Prozentpunkte höheren Dauergrünlandanteil (38,5 % zu 28,5 %). In der Ökolandwirtschaft ist er noch ein deutliches Stück höher (61 %).
Bildbeschreibung: Die Karte stellt die Ökoflächenanteile der Landkreise in Hessen für das Jahr 2020 (in %) dar. Die ausgewiesenen Werte reichen vom bundesweiten Landkreis-Höchstwert 41,7 % (Lahn-Dill-Kreis) über 24,4 %, 21,1 %, 20,0 %, 18,3 %, 17,1 %, 15,2 %, 14,1 %, 13,5 %, 12,0 %, 11,6 %, 10,9 %, 9,9 %, 9,8 %, 9,1 %, 8,6 %, 6,6 % und 6,2 % bis zu 5,6 %, 4,8 % und 4,1 % im Süden. In die Karte eingetragen sind drei im Beitrag vorgestellte Betriebe: Hof Eselsmühle (Lohra), Hofgut Marienborn und Birkenhof (Klein-Zimmern). Quelle: Statistische Dienste des Bundes und der Länder.
Eine flächenorientierte Biotierhaltung spielt in Hessen eine große Rolle. Während in ganz Deutschland der Bioanteil in Vieheinheiten nur 6,5 % der gesamten Tierhaltung beträgt, ist er in Hessen etwa auf der gleichen Höhe wie der zugrunde liegende hohe Flächenanteil mit aktuell ca. 16 %. Etwa 10 % der Milchkühe sind hier bio (6,5 % im Bundesschnitt) und ein Großteil der Mutterkühe. Bei den hessischen Biobetrieben überwiegen der Futterbau oder Futterbau-Marktfrucht. Damit hat dieses Bundesland in puncto Umstellungschancen den Vorteil, dass die bestehende Tierhaltung zu einem hohen Anteil biokonform ist oder mit überschaubarem Aufwand konform gemacht werden kann. Die Tierhaltung im Nordwesten dagegen hat sich demgegenüber in deutlich höherem Maße aus dem Wahrscheinlichkeitsrahmen einer Umstellung herausentwickelt (Schweine- und Hühnerställe in den ausgesprochenen Veredelungsregionen, große Milchviehställe mit Problemen, einen Mindestweidegang umzusetzen etc.). Übersicht 1 zeigt den Vergleich.
Übersicht 1: Pachtpreise und Bioflächenanteile (Nordwestdeutschland im Vergleich mit Hessen). Quelle: Destatis 2020
| Pachtpreis pro ha | Bioflächenanteil | |
|---|---|---|
| Durchschnitt in SH, Nds. und NRW | AL: 585 € / GL: 289 € | 6,2 % |
| Hessen | AL: 243 € / GL: 104 € | 15,9 % |
| Hessen relativ zu nordwestdeutschen Bundesländern | < 50 % | > 200 % |
Betriebsstrukturen und Pachtpreise bestimmen die Umstellungschancen. Ein fast noch prägnanterer Faktor für die Chance auf einen hohen Bioflächenanteil ist neben dem Dauergrünland und der Tierhaltung der Region der Pachtpreis, wobei beides natürlich miteinander korreliert. Der Lahn-Dill-Kreis hat nicht nur den höchsten Bioflächenanteil in Deutschland, er hat mit unter 100 € pro ha auch den niedrigsten Pachtpreis. Dieser Standort ist weniger geeignet, ein spezialisiertes und intensives Nutzungsmodell zu entwickeln; ansonsten hätten es die Landwirte längst umgesetzt. Und daher passt hier Bio im wahrsten Sinne des Wortes »gut in die Landschaft«.
Faktor 1: Betriebsstrukturen. Ökologische Landwirtschaft als Gegenmodell zur Hauptrichtung der Landwirtschaft mit Stickstoff-Mineraldünger und später auch chemischem Pflanzenschutz gibt es schon seit 100 Jahren. In den Anfängen ging es stets darum, in den durchweg vorhandenen bäuerlichen Gemischtsystemen den Mineralstickstoff durch intensiveren Leguminosenanbau und durch eine verbesserte Mistwirtschaft zu kompensieren. Bei den Marktfrüchten ergab sich kaum ein Minderertrag oder maximal um die 20 %. Die große Veränderung heute ist, dass potentielle Umstellungsbetriebe mehr oder weniger auf das spezialisiert sind, was der Standort an Kulturen und Tierhaltungen begünstigt – ein Ergebnis der Modernisierungswelle der Landwirtschaft zwischen 1960 und 1980. Betriebe, die die gesamte Palette aus Pflanzenbau und Tierhaltung vorhalten (wie der biologisch-dynamisch bewirtschaftete und über die Landesgrenzen hinaus bekannte Dottenfelderhof bei Bad Vilbel), gibt es heute unter den potentiellen Umstellungsbetrieben kaum noch.
Die volle Nutzung aller Synergieeffekte zwischen den Betriebszweigen hat eben auch eine Kehrseite. Produktionstechnisch entsteht ein organisches Ganzes – das ist im Sinne des ökologischen Landbaues äußerst positiv. Aber will man die Arbeitswirtschaft und deren Entlohnung auf einem gesellschaftlich adäquaten Niveau halten, so zeigen sich Grenzen. Denn die Spezialisierung wurde ja gerade zur Überwindung der Einkommensdisparität zwischen Stadt und Land durch Rationalisierung ersonnen.
Ein Lösungsmodell zur Verbesserung der Umstellungschancen ist heute die Kooperation gegensätzlich spezialisierter Betriebe. Überall dort, wo sie für den Austausch wenig transportfähiger Güter wie Kleegras und Mist noch in guter Erreichbarkeit zusammenliegen, ergeben sich produktive Einheiten. Gelingt eine Verbundwirtschaft nicht, so stürzen die Marktfruchterträge über kurz oder lang in vielen Fällen auf unter 50 % der regionalen konventionellen Referenzerträge ab. Auch deshalb, weil die Mineralstickstoff-Variante ja in den vergangenen 50 Jahren in der Entwicklung nicht stehen geblieben ist.
Rhön, Vogelsberg oder Lahn-Dill-Bergland setzen auf Extensivierung und Pflege der Kulturlandschaft.
Faktor 2: Pachtpreise. Eine weitere Folge der Modernisierung ist »Wachsen oder Weichen«. Wer wächst oder gewachsen ist, wirtschaftet auf einem hohen Pachtflächenanteil (in Deutschland rund zwei Drittel). Unter 200 €/ha im Schnitt von Acker und Grünland) erlauben recht gut eine gemischte Betriebsstruktur im ökologischen Landbau: Dauergrünland, Leguminosenfutterbau und Getreide, verbunden durch die Rinderhaltung. Die Bioprämie hilft, eine gute Arbeitsentlohnung zu generieren. Die zugehörigen Vermarktungskanäle für Biomilch und -fleisch sollten natürlich erschlossen werden – ergänzt je nach Betrieb und Potential durch eine mehr oder weniger umfangreiche Direktvermarktung und individuelle Betriebszweige. Für die Milch ist in dieser Beziehung die Upländer Bauernmolkerei im nordwestlichen Hessen ein regionaler Passer für diese Agrarstruktur. Sie wirbt mit Portraits und Hofbeschreibungen ihrer Lieferanten. Eine Standorterweiterung in Usseln im Landkreis Waldeck-Franckenberg legte im Jahre 2021 die Grundlage für eine deutliche Geschäftsausweitung. Für eine Prognose, ob und wann der Absatz und das Biomilchaufkommen entsprechend nachziehen, lehnt sich in der aktuellen Situation allerdings niemand so richtig aus dem Fenster.
Aber es geht noch eine Stufe extensiver. Sind die Flächenkosten sehr niedrig und überwiegt regional der Nebenerwerb (das trifft zum Beispiel für den schon genannten Lahn-Dill-Kreis zu), so ist die gezielte Biovermarktung keinesfalls zwingend. Die Praxis spart sich dann die Verbandsmitgliedschaft, optimiert die Prämien und liefert in den allgemeinen Markt. Über 50 % der hessischen Biobetriebe verzichten auf eine für die Vermarktung hilfreiche Verbandsmitgliedschaft.
Sind die Pachten jedoch hoch – das ist in Hessen auf den guten Ackerstandorten und insbesondere in Hessen-Süd mit seinen Sonderkulturen der Fall – so reichen extensive Bewirtschaftungsmodelle nicht aus, um die Verpächter- und Arbeits- sowie Unternehmerentlohnung zu gewährleisten. Regionen mit hohen Pachten geben zudem fast immer einen Hinweis auf einen hohen und meistens einheitlichen Spezialisierungsgrad der vorhandenen landwirtschaftlichen Betriebe. Die Rinderhaltung als Garant für eine produktive Verbundwirtschaft besteht dann regional nicht mehr, vorhandene Schweineställe lassen sich nur unter großem Kostenaufwand umbauen, und hohe Konzentrationen von beispielsweise Zuckerrüben auf dem Acker lassen sich »bio« nicht so einfach ersetzen. In der Regel ist dann der Bioanteil nur noch halb so hoch wie in Regionen mit geringeren Flächenkosten. Für die Umstellung ergibt sich eine doppelte Belastung: Die Betriebsstrukturen sind nicht optimal und die Verpächteransprüche ausgesprochen hoch.
Typisch für Hessen sind somit zwei grundsätzlich verschiedene Wege in der Biolandwirtschaft. Das extensive Modell nutzt vorhandenes Dauergrünland nebst Ackerfutterbau möglichst kostengünstig und beinhaltet immer eine Rinderhaltung. Teure Ackerbauregionen setzen derweil auf hohe Getreideerträge nebst zielführender hochpreisiger Vermarktung, auf gesuchte Eiweiß- und Ölfrüchte, auf einen relevanten Hackfruchtanteil und zunehmend auf eine weitere Wertschöpfung durch Biogeflügel und in einigen Fällen auch Schweinehaltung.
Zwei Betriebe aus der Rubrik »Hessische Ökobetriebe im Portrait« des Landesbetriebes Landwirtschaft Hessen (LLH) zeigen die unterschiedlichen Ausrichtungen (Übersicht 2).
Übersicht 2: Zwei Betriebe, zwei Bewirtschaftungsmodelle (nach LLH)
| extensiv | intensiv | |
|---|---|---|
| Betrieb | Hof Eselsmühle | Birkenhof |
| Ort | Lohra | Klein-Zimmern |
| Flächen | 80 ha Ackerland; 120 ha Grünland | 158 ha Ackerland; 2 ha Grünland |
| (zwischenzeitlich weiteres Wachstum) | ||
| Betriebsstruktur | Futterbau-Marktfrucht | Marktfrucht |
| prägende Betriebszweige | Mutterkühe und Druschfrüchte | Druschfrüchte (Kö.-Mais); Hackfrüchte (Kartoffeln, Ölkürbis) |
| weitere Geschäftsfelder | Tierzucht; Pensionspferde | 1200 t. Getreidelager einer EZG im Betrieb; 12 000 Legehennen |
| Bioanteil im Landkreis | Marburg-Biedenkopf: 21,1 % | Darmstadt-Dieburg: 5,6 % |
Der Ökolandbau wird sich über den Markt weiterentwickeln.
Fazit. In Hessen stehen viele Vorzeichen auf Bio. Der politische und gesellschaftliche Rückhalt bildet dabei nicht das alleinige Fundament für den vergleichsweise hohen Bioflächenanteil. Standorte, Betriebsstrukturen und moderate Pachten sind wesentliche Stützen. Oftmals vermeidet Hessen im landwirtschaftlichen Sinne die Extreme. Böden, Klima, Betriebsstrukturen und Tierhaltungsformen bewegen sich zu einem großen Anteil innerhalb des Möglichkeitsrahmens einer Ökobewirtschaftung. Auf dieser Basis haben sich die beteiligten Akteure ihren vorderen Platz im Länderranking erarbeitet; regional auf sehr unterschiedliche Weise.
Extensive Nutzungsformen lassen sich über Flächenprämien vergleichsweise zielsicher zu relevanten Bioflächenanteilen führen. Intensive Varianten der Landnutzung bedürfen dagegen einer deutlich stärkeren Konzentration auf die gesamten Lieferketten, von der produktiven Qualitätserzeugung in passenden Gunstsituationen bis zum preislich erfolgreichen Abschluss am »Point-of-Sale«.
Gustav Alvermann, Bioberater und -landwirt, Westerau