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Wie tickt der Bio-Markt?

Wie tickt der Bio-Markt?

1. Juni 2019Markt & PolitikPresse-ArtikelConrad Thimm

»Öko« weckt hohe Erwartungen – aber Vorsicht: Die Biomärkte haben ihre eigenen Gesetze. Conrad Thimm beleuchtet, welche Produkte von welchen Abnehmern gefragt sind.

Bio-Umsatz und Anteile am Gesamtumsatz (Deutschland, 2017). Quelle: BÖLW, 2019.

WarengruppeBio-Umsatz in Mio. €Bio in % des Gesamtumsatzes
Milch4684,1
Eier28621,3
Gemüse2689,8
Getreide2595,2
Rindfleisch2125,3
Wein18511,5
Obst9715,0
Schweinefleisch961,2
Kartoffeln613,0
Geflügelfleisch492,3
Schaffleisch2316,0
Hülsenfrüchte2357,5
Ölsaaten211,4

Deutsche Bio-Märkte sind vielfältig hinsichtlich Warengruppen, Absatzkanälen, Akteuren, Bio-Verbänden und Verbraucherwünschen. War seit den 1980er Jahren der Naturkosthandel mit ursprünglichem Fokus auf Müsli und Vollkorn der Treiber der Entwicklung, so hat ihn der allgemeine Lebensmittelhandel im Laufe der 2000er Jahre in dieser Rolle abgelöst. Heute sind die Discounter Marktführer in der Bio-Frische, Drogerieketten im Trockensortiment, Verbrauchermärkte und Bio-Filialisten bei der Bio-Vielfalt. Die Bio-Verbände unterstützen die Vermarktungsaktivitäten ihrer Mitglieder, Bauern wie Händler, sind aber selbst in der Regel keine Händler.

Bio-Milch und -Milchprodukte sind einsame Spitze auf dem deutschen Markt.

Fotos: landpixel, agrarfoto (2)

Wie in der konventionellen Landwirtschaft sind Milch und Milchprodukte (Mopro) auch bei Bio mit Verkaufserlösen von 468 Mio. € (2017) die bei Weitem wichtigste Bio-Warengruppe (4 % aller Mopro-Erlöse in Deutschland). Hier hat es in Folge der Krise nach 2016 auch die bei Weitem größten Zuwächse gegeben, von 795 Mio. kg 2016 auf 1 100 Mio. kg in 2018. Trotzdem ist der Milchpreis weitgehend stabil geblieben. Das ist nach Einschätzung der Beteiligten vor allem den Molkereien geschuldet, die immer nur so viele neue Bauern aufgenommen haben, wie sie auch Milch und Milchprodukte absetzen konnten, ohne im Wettbewerb Preise senken zu müssen. Auch ihre bestehenden Lieferanten konnten nicht einfach ihre angelieferten Milchmengen unbegrenzt erhöhen. Obwohl 30 % der deutschen Bio-Mopro aus Dänemark und Österreich kommen.

20 bis 30 eher kleinere Molkereien verarbeiten Bio-Milch in Deutschland, manche davon schon über 30 Jahre wie die Andechser, Berchtesgadener Land, Hohenlohe und Söbbecke. Letztere ist heute in der Hand des französischen Konzerns Savencia. Relativ »frische« Akteure im Bio-Milchmarkt sind die Gläserne Molkerei, die in den 2000er Jahren Standorte in Brandenburg und Mecklenburg neu erbaut hat und heute Teil der Schweizer Emmi-Gruppe ist, Ammerland, die als große norddeutsche Genossenschafts-Molkerei 50 ihrer Landwirte seit der Milchkrise 2015 durch die Umstellung auf Bio begleitet hat und deren Milch heute vermarktet, sowie Arla, der schwedisch-dänische Milchkonzern, der sich »die größte Bio-Molkerei der Welt« nennt. Arla ist die einzige Bio-Molkerei in Deutschland, die keine Bio-Verbandszugehörigkeit von ihren Lieferanten verlangt, sondern nur, wie in Dänemark und Schweden üblich, eigene Qualitätskriterien auf die für alle geltende EU-Bio-Verordnung setzt. Schwerpunkte der deutschen Bio-Milcherzeugung liegen in Bayern und Baden-Württemberg.

Auch Bio-Eier boomen.

Die zweitgrößte Bio-Warengruppe ist, man höre und staune, Bio-Eier mit 286 Mio. € Verkaufserlösen 2017 (mehr als 20 % aller Eier-Erlöse). Das sind nicht die Mistkratzer im Hinterhof, die manch ein Verbraucher von Bio erwartet, sondern zu 90 % Legehennen-Bestände mit zwischen 3 000 und 40 000 Tieren. Zwar hat die EU 3 000 Legehennen als Obergrenze für einen Bio-Stall vorgegeben. In Deutschland wird das aber als Bio-Stall-Einheit oder Herde interpretiert, d. h. es können auch mehrere Herden, jede mit separatem Auslauf, unter einem Dach sein. Deshalb werden die großen Bio-Legehennen-Haltungen in der Regel in 3 000er-Schritten gezählt: 6 000 als Grenze für Demeter und Bioland, 12 000 als Grenze für Naturland und darüber nur noch EU-Bio oder »Bio-Initiative«.

Weser-Ems: Zentrum intensiver Bio-Industrie.

Fotos: landpixel, agrarfoto (2)

Hintergrund sind sowohl die große Nachfrage nach Bio-Eiern (40 % werden allein bei Aldi und Lidl abgesetzt) wie auch das schon seit Langem entwickelte Kompetenz- und Infrastruktur-Cluster für Legehennen in Weser-Ems. Dort werden mehr als die Hälfte aller deutschen Bio-Eier erzeugt. Es werden weitere Bio-Hühnerställe gebaut, weil dies eine alternativlose Investition ist: Das Produkt ist gefragt, und es fallen keine Entsorgungskosten für Gülle an. Im Gegenteil, Bio-Hühner-Trockenkot (HTK) aus Weser-Ems geht in Bio-Ackerbaubetriebe bis nach Schleswig-Holstein und Sachsen-Anhalt. Außerdem braucht man kaum Land, das bei Pachtpreisen von 1 200 €/ha ohnehin nicht bezahlbar wäre. Stattdessen liefern die Ackerbaubetriebe, die Bio-HTK nehmen, gerne Bio-Futter – eine großräumige Kreislaufwirtschaft!

Auch kleinräumige Kreislaufwirtschaft ist zu finden. Vor den hohen Landpreisen in Weser-Ems haben sich etwa die Bio-Hühner-Pioniere Heinrich Tiemann und Friedrich Behrens (EZG Fürstenhof) nach Mecklenburg zurückgezogen, wo sie das Hühnerfutter im eigenen Ackerbau mit HTK gedüngt erzeugen. In den anerkannten Bio-Verbänden nicht wohlgelitten, haben sie mit der Bio-Initiative ihren eigenen Verband gegründet.

Die Vermarktung der Bio-Eier an den Lebensmitteleinzelhandel (LEH) erfolgt in der Regel über die gleichen Wege, über die der LEH auch mit konventionellen Eiern (nur noch Freiland- oder Bodenhaltung) versorgt wird. Das kommt diesem sehr entgegen, weil die Vereinfachung der Prozesse eine seiner größten Herausforderungen ist.

Die Nummer drei: Bio-Gemüse, Möhren ...

Gemüse ist mit Verkaufserlösen von 268 Millionen Euro (10 % aller Gemüseerlöse) die drittgrößte Bio-Warengruppe. Auch hier wird über die Hälfte über Discounter abgesetzt, genau wie bei konventionellem Gemüse. Erzeuger sind nicht nur die klassischen Gemüseregionen wie die Pfalz, sondern auch ehemalige (größere) Zuckerrübenbetriebe und andere Bio-Ackerbaubetriebe, die lukrativere Betriebszweige suchen als Getreide. Regionalität ist gefragt, aber auch die Importanteile sind hoch. Die größten Anbauflächen belegen Bio-Möhren mit 2 100 ha. Mit je 1 300 ha folgen Bio-Erbsen, Bio-Spargel, Bio-Kürbis und Bio-Zwiebeln mit 900 ha, so das Kompetenzzentrum Ökolandbau Niedersachsen (KÖN). Zu den größten Gemüsepackern gehören Möhren-Brocker am Niederrhein, der auch konventionell zu den Großen gehört, sowie Westhof-Bio in Friedrichsgabekoog, Schleswig-Holstein. Neben der eigenen Bio-Feldgemüseerzeugung in einer Fruchtfolge mit 1 000 ha, der eigenen Biogasanlage und den eigenen Bio-Gewächshäusern packt dieser auch Bio-Gemüse von anderen Erzeugern in einem erheblichen Umkreis und liefert es an den LEH. Er gehört zu den Roboter-Pionieren, denn Bio-Gemüse ist ebenso wie Bio-Zuckerrüben heute noch eine mit meist über 100 Stunden/ha sehr handarbeitsintensive Kultur. Bio-Zwiebeln und mehr werden auch von den Kartoffelgrößen Öko Kontor (Heilmann AG, Agrata, Krohn) und Hans Willi Böhmer vertrieben.

Gemüse ist die vom Umsatz her drittgrößte Warengruppe am deutschen Biomarkt – und noch vor Getreide die größte bei den pflanzlichen Produkten. — Foto: agrarfoto

Von der Schweinenische zur Apfelschwemme

Bei den übrigen Bio-Warengruppen fallen Bio-Schweinefleisch mit 96 Mio. € und einem Anteil von nur 1,16 % aller Schweinefleisch-Erlöse, Bio-Geflügelfleisch mit 49 Mio. € (nur 2,3 % aller Geflügelfleischerlöse) sowie Bio-Ölsaaten mit 21 Mio. € (1,4 % aller Ölsaaten) besonders stark ab. Demgegenüber erreichen Bio-Wein mit 185 Mio. € (11,5 %) und Bio-Obst, vor allem Äpfel, mit 97 Mio. € (15 % aller Obsterlöse) Anteile am Gesamtmarkt der jeweiligen Warengruppe, die sogar noch höher als bei Gemüse liegen (9,8 %), wenn auch nicht so hoch wie Bio-Eier. Bio-Schaffleisch liegt mit 23 Mio. € und 16 % aller Schaffleischerlöse bei einem ähnlichen Anteil am Gesamtmarkt wie Obst, während der große Anteil-Spitzenreiter Bio-Hülsenfrüchte sind, die mit 23 Mio. € und 58 % aller Hülsenfrüchteerlöse die konventionell erzeugten Produkte überholt haben. Für Zuckerrüben nennt die Statistik 7,3 % – da ist vielleicht ein Komma verrutscht: 0,73 % oder (für 2018) 1 % sind wahrscheinlicher.

Bio-Getreide: Mehr Futter als Brot.

Erst die viertgrößte Bio-Warengruppe ist Getreide mit 259 Mio. € (5,2 % aller Getreideerlöse). Es wird über eine Vielzahl an Erzeugergemeinschaften, Handelsgesellschaften und Mühlen mit meist eher regionalem Einzugsgebiet vermarktet. Allein Bioland zählt 15 solcher Erzeugergemeinschaften und Handelsgesellschaften auf, von denen viele auch von Naturland zertifiziert sind. Bundesweit erfassen die Marktgesellschaft der Naturland Bauern AG, die 900 Biobauern gehört, mit 2 000 Biobetrieben zusammenarbeitet und zuletzt 72 Mio. € umgesetzt hat, sowie die Bioland Markt GmbH & Co KG, die sich ganz in privater Hand ohne Beteiligung des Bioland-Verbandes befindet. Auch große Häuser wie zuletzt Agravis steigen in die Erfassung von Bio-Getreide ein. Zwei Drittel des deutschen Bio-Getreides wird verfüttert, vor allem an Hühner, aber auch an Rinder und Schweine. Bei Hühnern werden beachtliche Mengen in Futter-HTK-Kooperationen bewegt, bei denen sich Erzeugergemeinschaften, Handelshäuser und Futtermühlen als Match-Maker und Logistik- und Abrechnungspartner beteiligen. Der deutsche Markt für Bio-Speisegetreide dagegen wächst derzeit kaum. Das liegt wohl am Zusammenwirken mehrerer Faktoren: Das Bio-Wachstum findet im LEH statt, der oft nur verpacktes Brot anbietet. Das macht die Kommunikation eines Vorteils von Bio schwierig, wenn der Preisunterschied so groß ist, wie er für Bio-Qualitätsweizen sein muss, damit er für den Landwirt in der Erzeugung lukrativ ist.

Die Überraschung: Bio-Kartoffeln.

Die Bio-Kartoffel-Erlöse liegen mit 61 Mio. € (3 % aller Kartoffelerlöse) fast 2 % unter dem Durchschnitt aller Bio-Anteile am Gesamtmarkt. Das überrascht angesichts der Tatsache, dass Bio-Kartoffeln in allen Discount- und Verbrauchermärkten gelistet sind und auch gut abverkauft werden. Bei frischen Speisekartoffeln ist der Bio-Anteil in der Tat deutlich höher, allerdings bei den erheblichen Verarbeitungsmengen zu Pommes frites, Kartoffel-Chips und Stärke allerdings auch deutlich geringer. Marktexperten gehen denn auch von geschätzt 120 Mio. € Umsatz mit Bio-Kartoffeln in Deutschland aus. Interessant ist die Bio-Kartoffel-Wertschöpfungskette, weil sie sich auf Initiative des Bio-Kartoffel-Erzeuger-Vereins in Lüchow-Dannenberg zu einem Runden Tisch zusammengefunden hat. Neben Erzeugergemeinschaften gehören ihm die wichtigsten Kartoffelpackbetriebe Böhmer und Öko-Kontor sowie Einzelhandels-Vertreter von Alnatura, Rewe und Tegut an. Preisabsprachen sind zwar kartellrechtlich verboten, aber ein großer Erfolg des Runden Tischs war die Übereinkunft »300 Tage im Jahr deutsche Bio-Kartoffeln«, um den Absatz im Frühjahr nicht durch Frühkartoffeln aus Ägypten und anderen Mittelmeerländern zu gefährden. Daran hält sich selbst Aldi, der mit Abstand größte Bio-Kartoffel-Vermarkter Deutschlands.

Die größten Umsätze machen die deutschen Biobauern mit Abstand mit Milch. Nummer zwei ist bereits eine sehr gut organisierte Eier-Industrie. Bei Speisegetreide begrenzt der Preis ein weiteres Wachstum.

Fazit.

In den Köpfen von Verbrauchern mag die Bio-Branche noch ein »Hinterhof-Image« haben, in der Realität ist sie weit davon entfernt. Charakteristisch ist ein hoher Organisationsgrad, sei es in einer großräumigen Kreislaufwirtschaft »Eier – Hühnertrockenkot – Futtergetreide« oder bei Begrenzungen bzw. Absprachen über Erzeugungsmengen, etwa bei Milch und Kartoffeln.

Die weiteren Aussichten ...

... sind heiter bis wolkig, aber nichts für die Hängematte. Es gibt insbesondere zwei Faktoren, die die Vermarktung von Bio-Produkten erheblich erschweren können:

  • Wenn die konventionelle Landwirtschaft dauerhaft so unter Druck gerät, wie es die Milchviehbetriebe 2015/16 waren, und sprunghaft mehr Bauern auf Bio-Landbau umstellen, als das Marktwachstum verkraftet.
  • Wenn eine schwere Rezession dafür sorgt, dass die Nachfrage nach den teureren Bio-Produkten massiv zurückgeht, wie es in England nach der Finanzkrise 2008 geschah.

Am schlimmsten wäre natürlich, wenn beide Faktoren zusammenkämen. Dann würde sich auch im Bio-Landbau die schon heute bestehende Tendenz kräftig verstärken, dass nur die effizientesten, optimal an Standort und Markt angepassten Betriebe überleben.