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Ein zentrales Standbein

Ein zentrales Standbein

1. April 2024TierhaltungPresse-ArtikelConrad Thimm

Fast ein Fünftel der deutschlandweit produzierten Eier sind »Bio«. Neben den relativ guten Erlösen hat die Legehennenhaltung aber für die gesamte Biokreislaufwirtschaft eine immense Bedeutung. Conrad Thimm zeigt die Zusammenhänge.

Die Legehennenhaltung ist ein dreifacher Segen für den Biolandbau: Erstens locken die Erlöse der relativ gut bezahlten Bioeier. Zweitens schafft die Futternachfrage Absatz für Getreide der Bioackerbauern, das sonst unter Umständen konventionell vermarktet würde. Und drittens ist der Hühnertrockenkot (HTK) der günstigste schnell wirkende N-Dünger im Biolandbau mit so hoher Nährstoffdichte, dass sich auch der Transport über mehr als 200 km rechnet.

Der Markt für Bioeier. Mit jährlichen Erzeugererlösen von 380 Mio. € sind Eier nach Milch die zweitgrößte Einzelproduktkategorie im Ökolandbau. 2021 haben sie wertmäßig über 25 % aller Eier ausgemacht. Inzwischen sind sie als Folge der neuen Sparsamkeit auf 21 % gefallen. Dahinter stehen knapp 2 Mrd. Bioeier. Laut AMI werden davon 41 % über Discounter verkauft, 35 % bei Vollsortimentern, 20 % auf Wochenmärkten und nur 3 % im Biofachhandel.

Der durchschnittliche Verbraucherpreis liegt mit rund 3,30 € je zehn Eier beim Discounter, 3,70 € beim Vollsortimenter und 4,20 € im Biofachhandel mehr als doppelt so hoch wie bei konventionellen Freilandeiern. Der durchschnittliche Abgabepreis ab Packstelle beträgt 31,30 € je 100 Eier mit einer Spreizung von 20 € für die Größe »S« bis 35 € für Eier der Größe »XL«.

Statistisch erfasst werden Bioeier in Beständen ab 3 000 Legehennen. Das ist auch die maximale Größe für eine BiolLegehennenherde in einem Stall mit entsprechendem Auslauf, wie sie die EU-Bio-VO vorgibt. Allerdings dürfen bis zu vier Herden in einem Gebäude bei entsprechenden baulichen Abtrennungen und Ausläufen nach allen Seiten gehalten werden. In der Praxis sieht man Einheiten von 2 x 3 000 bei Bioland, bis zu 4 x 3 000 bei Naturland und x-mal 3 000 bis maximal 39 900 bei EU-Bio. Für ein Stallensemble für 12 000 Biohühner werden 4,8 ha für die Ausläufe gebraucht.

Bioeier müssen – genau wie Eier aus anderen Haltungsformen – seit 2004 direkt auf dem Ei kenntlich gemacht werden. — Foto: landpixel

»Bruderhähne«. Abgesehen von der Deckelung der Legehennenbestandsgrößen bei den Bioverbänden liegen die beiden wichtigsten Unterschiede zwischen EU-Bio und Verbandsbio bei Legehennen in den Verbandsvorschriften. bioverbandsgebundene Betriebe müssen den ganzen Betrieb auf Bio umstellen und die »Bruderhähne« aufziehen.

Während in konventionellen Brütereien sowie bei EU-Bio männliche Küken schon im Ei bestimmt und aussortiert werden, werden sie bei den Bioverbänden aufgezogen und gemästet. Das geschieht meist auf darauf spezialisierten Betrieben, die dafür bezahlt werden. Denn Tiere aus Legehennenzuchtlinien lassen sich nicht rentabel mästen. Abhilfe leisten sollen neue Zweinutzungshühnerlinien, an denen gearbeitet wird. Die wenig effiziente Verfütterung von gutem Biogetreide an nur extrem langsam zunehmende Hähnchen wird wegen der mangelnden Ressourceneffizienz aus ökologisch-ökonomischer Sicht abgelehnt.

Foto: landpixel

Der Bioeier-Hotspot ist das westliche Niedersachsen, Weser-Ems. Hier werden bei sehr geringen Bioflächenanteilen rund 40 % aller deutschen BiolLegehennen gehalten, die weitaus meisten davon EU-biozertifiziert. Hier werden nur die Legehennen nach der EU-Bio-VO gehalten und der jeweilige sonstige Betrieb konventionell bewirtschaftet. Bei Pachtpreisen von über 1 500 €/ha werden keine Möglichkeiten gesehen, flächengebundenen Ökolandbau rentabel zu betreiben. Nur 14 Legehennenbetriebe bewirtschaften in Weser-Ems den ganzen Betrieb biologisch nach den Vorschriften eines Bioverbandes, vor allem Naturland. EU-Biolegehennen bewirtschaften in der Region rund 50 Betriebe und Freilandhaltung weitere rund 50, organisiert in der Interessengemeinschaft alternativer Hühnerhalter (IAH). Deren Mitgliederzahlen steigen kontinuierlich.

Anders sieht es in Mecklenburg-Vorpommern aus, dem zweitgrößten Bioeier-Cluster. Hier ist das Land mit Pachtpreisen von unter 400 €/ha deutlich günstiger als in Weser-Ems. Damit ist die weitgehende Futtereigenerzeugung interessant. Da bei den Bioverbänden mindestens die Hälfte des Futters vom eigenen Betrieb kommen muss, ist der Anteil verbandsgebundener Biolegehennenställe in Mecklenburg-Vorpommern viel höher.

Nach Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern folgen Hessen, Baden-Württemberg und Bayern. Hier sind zwar die Legehennenbestände je Betrieb meist deutlich kleiner, dafür ist die Anzahl an Biohöfen erheblich höher.

Mobilställe für Legehennen werden von vielen Verbrauchern und manchen Biolandwirten bevorzugt. Sie passen gut zur Direktvermarktung und brauchen auch die dort erzielbaren höheren Margen zur Entlohnung des höheren Arbeitsaufwands. 50 Ct gelten für Eier aus Mobilställen als Minimum. Werden mehr Eier erzeugt als direkt vermarktet, dann muss eine offizielle Packstelle mit entsprechender Bürokratie eingerichtet oder dazwischengeschaltet werden.

Im Emsland wurde jetzt der Bio-Legehennen e.V. für die verbandsgebundenen Betriebe in ganz Deutschland gegründet. Vorbild sind der Bio Kartoffel Erzeuger e.V. und das Aktionsbündnis Bioschweinehalter Deutschland ABD e.V. Sie vertreten als Ergänzung zu den Bioverbänden jeweils ihre Warengruppe in einem Markt, der von immer größeren Akteuren geprägt wird. Der Bio-Legehennen e.V. will Transparenz in die Lieferkette über die Packstellen direkt bis zu den großen Discountern und Vollsortimentern bringen.

Wir wollen eine vollkostendeckende Produktion.

— Bernhard Brand, Landwirt in Dersum, Emsland
Bernhard Brand, Landwirt in Dersum, Emsland.

Absatz für Biofuttergetreide. Der vorgeschriebene 20 % Regionalanteil im Biohühnerfutter, meist Körnermais, kann für 12 000 Legehennen auf 32 ha selbst erzeugt oder regional eingekauft werden. Die restlichen 80 % sind auch vor allem Körnermais und Weizen-Brotgetreide, das mangels Backqualität als Futter endet. Die Ernte 2023 hat hier im großen Stil zum Verfall der Futterpreise geführt, während gutes Brotgetreide rar und teuer wurde. Die für Hühner unerlässlichen Aminosäuren Methionin und Cystein kommen vor allem aus Soja-, Sonnenblumen- und Raps-Ölkuchen. Die Herkunft ist überwiegend Südosteuropa, Rumänien, Bulgarien, Ukraine und auch China. Körnermais, der früher vor allem aus Rumänien importiert wurde, ist inzwischen von deutscher Ware verdrängt. Körnerleguminosen sind wegen ihrer Aminosäurenmuster als Futtermittel für Legehennen nicht geeignet.

Biolegehennenbetriebe sind mit einem Verbrauch von 260 000 t Biogetreide nach Milchkühen (340 000 t) die wichtigsten Nachfrager. Theoretisch steht Futtergetreide in Konkurrenz zur menschlichen Ernährung. In der Praxis ist die Welt jedoch komplexer (siehe Kasten). In der Vergangenheit war jahrelang die Nachfrage nach Biokonsumgetreide so gering, dass Biofutter zum wichtigsten Absatzmarkt für Biogetreide wurde. Dazu kommt, dass Bioackerbau oft auf mageren Böden betrieben wird, der für Biobrotgetreide nicht geeignet ist, zumal, wenn Frühjahrstrockenheit eine Mineralisation im Mai verhindert. Da Körnermais seinen N-Bedarf später im Jahr hat, wenn auch in Norddeutschland Sommerniederschläge für Mineralisation sorgen, wird er als Biofutter immer beliebter.

Hühnertrockenkot. HTK ist ein beliebter organischer Dünger, konventionell wie im Biolandbau. Im Gegensatz zu Schweine- und Rindermist und Gülle ist seine Nährstoffdichte so hoch und sein Wassergehalt so gering, dass er auch über weite Strecken transportwürdig ist. Legehennen und Geflügel sind deshalb auch für Gegenden geeignet, in denen keine weiteren Güllemengen akzeptabel wären, wie Weser-Ems. Denn über HTK werden die Nährstoffe aus diesen Gegenden exportiert. Ein entsprechender Handel hat sich etabliert. Das gilt für konventionell, wie für Biolandbau. Nur, dass Bio-HTK noch beliebter und teurer ist, weil er immer noch der günstigste zugelassene und schnell wirkende organische Dünger für den Biolandbau ist.

Es ist eine großräumige Kreislaufwirtschaft: Bioackerbauern auf Land, das nicht so teuer ist wie in Weser-Ems, liefern Biofuttergetreide (vor allem Körnermais) an Futtermühlen, die die Legehennenbetriebe in Weser-Ems beliefern. Der anfallende Bio-HTK geht mit Hilfe von darauf spezialisierten Maklern wieder an die Bioackerbauern zurück. Ein komplexer Vorgang, der sorgsam abgestimmt sein will.

12 000 Legehennen brauchen 560 t Futter. Bei den Bioverbänden muss die Hälfte vom eigenen Betrieb oder einem engen vertraglichen Kooperationspartner stammen, der dann auch 280 t anfallenden HTK übernimmt. Es werden also rund 280 t »eigenes« Futter oder 70 ha Futtergetreidefläche benötigt. Bei Ausbringung von 3,5 bis 5 t/ha können mit den 280 t HTK rund 55 bis 80 ha gedüngt werden.

Noch interessanter ist für die Bioackerbauern in vielen Fällen der Verkauf von Biobrotgetreide, wenn denn die Qualität dafür reicht, und der Einkauf von Bio-HTK. Es sei denn, bei Körnermais sind die Erträge so hoch, dass die Erlöse mit Biobrotgetreide mithalten. In jedem Fall eine weit verbreitete Biokreislaufwirtschaft. Fast so gut wie ein Bioackerbaubetrieb mit eigener Biolegehennenhaltung.

Die Verbände stellen die Flächenbindung der Tierhaltung sicher.

— Annette Alpers, Naturland Geflügelberaterin
Annette Alpers, Naturland Geflügelberaterin.

Aussicht. Vieles spricht dafür, dass der Bioeiermarkt weiter wächst, vor allem bei den Discountern und den Vollsortimentern. Ob sie bereit sind, die Kosten zu bezahlen, die für Verbandsbioeier noch einmal höher sein müssen als für EU-Bioeier, wird sich zeigen. Dabei wird es entscheidend darauf ankommen, inwieweit es gelingt, bei Verbrauchern Vertrauen in die Bioverbände auch bei Discountern und Vollsortimentern aufzubauen – bei Eiern, einem in der Kommunikation besonders empfindlichen Lebensmittel.

Conrad Thimm, bio2030, Barth

HTK ist wegen seiner Nährstoffdichte und dem geringen Wassergehalt über weite Strecken transportwürdig und ein beliebter Dünger – ökologisch wie konventionell.

Wenn die Tierhaltung nicht wäre

Wirtschaftsdünger. In den 1980er Jahren hatte Westdeutschland einen Tierbesatz von etwa 1,2 Großvieheinheiten (GV) pro ha – die DDR etwa 1,0 GV. Heute hat Gesamtdeutschland noch 0,7 GV/ha, die neuen Bundesländer gerade einmal 0,4.

In Ökokreisen sprach man zu Zeiten des bäuerlichen Gemischtbetriebes in den 1950er bis 1980er Jahren von 1 GV/ha als Ideal der Kreislaufwirtschaft. Heute sind es 0,4 GV/ha. Eine extensive Dauergrünlandbewirtschaftung und viehlose Ackerbaubetriebe sind hierfür ursächlich. Ein »Zuviel« an Tierhaltung gibt es perspektivisch weder in Ostdeutschland noch im Ökolandbau insgesamt. Das Problem betrifft eher den küsten- und hafennahen Nordwesten in Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen auf überwiegend leichtem Land, das wenig Alternativen bietet. Alle anderen Regionen dürften sich eher glücklich schätzen über das Maß an Tierhaltung, das ihnen noch bleibt – für eine betriebliche Wertschöpfung, für die Nutzung von Futter, das nicht für den menschlichen Verzehr geeignet ist, für die Versorgung der Böden mit organischer Substanz und für eine breite Anbaupalette in den ackerbaulichen Fruchtfolgen.

Ökoackerbau funktioniert auch ohne Tierhaltung, wenn man genügend Futterleguminosen als Grünbrache in die Fruchtfolge einbaut und wenn die regionalen Pachtpreise niedrig sind oder die angebauten Kulturen in der Wertschöpfung hoch (Hackfrüchte und Gemüse). Aber selbst wenn das Unterfangen funktioniert: Auch für die Vermarktung der Biodruschfrüchte ist die Biotierhaltung nahezu unverzichtbar. Körnerleguminosen wandern zu 90 % in den Futtertrog, Ölpflanzen zu 60 % in Form des Presskuchens und das Biogetreide auch zu über 60 %. Auf diese Weise ist die Biohühnerhaltung ein immens wichtiger Absatzmarkt für die Rohstoffe der Ackerbaukollegen geworden. 35 % des Biomischfutterabsatzes (260 000 t) gehen auf ihr Konto. Bestimmende Mischungsbestandteile sind Weizen, Mais und Ölkuchen.

Bei lange stagnierender Bioackerfläche wuchsen die Biolegehennenhaltungen marktgetrieben insbesondere zwischen dem Jahr 2000 und 2010. Das schlug sich in einem rapide zunehmenden Anteil an importierten Futterrohstoffen nieder. Von dieser Situation profitieren auch die frisch umgestellten Bioackerbauern – trotz Verdoppelung der Biogetreideernte zwischen 2015 und 2022. »Schwierig wirds, wenn wir bei Futterweizen die Importe komplett auffüllen durch eine hiesige Erzeugung – und darüber hinaus«, sagte letztens ein namhafter Biofuttermischer. Für die Ernte 2023 deutet sich diese Situation witterungsbedingt durch schlechte Backfähigkeit an.

Am besten stehen die Ackerbauern am Rande eines Biolegehennen-Hotspots wie Weser-Ems da. Man zahlt noch nicht die völlig aus dem Ruder gelaufenen Pachten wie mittendrin, hat aber kaum 100 km Distanz zum Biomischfutterwerk und zur Abnahme des HTK ab Stall. Ist das Ackerland mild und gleichmäßig und womöglich eine Beregnung vorhanden, so steht man mit Biosoja, Körnermais und Futterweizen recht gut da; zumal die ersten beiden Kulturen hohe Relativerträge von 80 % des konventionellen Niveaus erreichen. Kurzum: Die Bedeutung der Legehennenhaltung ist für den Bioackerbau gar nicht hoch genug zu betonen. Ohne das Ei wäre der Speiseplan ärmer, aber noch ärmer wäre die bioackerbauliche Fruchtfolge.

Gustav Alvermann, bio2030, Westerau