Fakten und Mythen
In jüngster Zeit ist das Thema Humus in die Schlagzeilen geraten: Die Anreicherung verspricht einen Beitrag zum Klimaschutz. Dabei wird aber oft vergessen, dass vor allem der Ökolandbau vom Humus »lebt«. Gustav Alvermann beleuchtet beide Seiten der Medaille.
Humus als Fließgleichgewicht
Der Humusgehalt von Böden folgt einem Fließgleichgewicht aus Zufuhr und Abbau organischer Substanz. Zwischen Zufuhr und Abbau besteht eine Rückkopplung; deshalb schwankt der Humusgehalt über Jahre nicht so stark wie die Zufuhr im Bewirtschaftungsalltag.
Bis 1960 galt im Ackerbau: »Keine Fruchtfolge ohne Futterbau und kein Acker ohne Mist.« Heute fehlen diese Elemente in vielen Marktfruchtbetrieben. Das Gleichgewicht hat sich dadurch nach unten verschoben, ohne dass der Humusgehalt völlig verschwunden wäre. Zugleich stellte das Thünen-Institut fest, dass auf ackerbaulich genutzten Standorten relevante Kohlenstoffmengen verloren gehen.
Die andere Seite der Medaille
Der Abbau organischer Substanz aus Vorfrucht, Dünger oder Humus ist acker- und pflanzenbaulich erfolgsrelevant. Er liefert Nährstoffe, CO2 als Assimilationsimpuls, Hygienisierung und Garebildung. In älteren Ackerbaubüchern wurde die gezielte Mobilisierung des Bodenpotentials entsprechend hoch bewertet.
Humusaufbau zur Klimarettung?
Mit hohem Humusgehalt werden Struktur, Bearbeitbarkeit, Nährstoff- und Wasserhaltefähigkeit verbunden. Doch eine vollständige Entkopplung vom standorttypischen Niveau verhindert das Fließgleichgewicht. Humusforscher sprechen von einer Sättigungsgrenze. Rothamsted nennt ein Ton-Humus-Verhältnis von 4:1 als gute Versorgungslage, österreichische Forscher 6:1 und Schweizer Kollegen etwa 5:1. Wer auf Böden mit 12,5 % Ton wirtschaftet, wäre demnach mit 2,5 % Humus gut bedient.
Langjährige Biobetriebe bestätigen, dass Humus nicht linear steigerbar ist: Auch Futterbau, organische Düngung und Zwischenfrüchte führen nicht automatisch zu großen messbaren Zuwächsen.
Mobilisierung gezielt angehen
Der Ökolandbau lebt von der Mobilisierung organischer Substanz. Ohne sie gibt es magere Erträge, besonders im Bio-Getreidebau. Leichte Sande in der Norddeutschen Tiefebene setzen nach Bearbeitung schnell Stickstoff frei; im Herbst braucht es dann Zwischenfrüchte oder abschöpfende Marktfrüchte wie Winterroggen. Schwere Böden mit mehr als 25 % Ton benötigen dagegen nach nasser Bearbeitung Zeit zur Regeneration und Mineralisierung.
Fazit
Auf welchem Niveau sich das Fließgleichgewicht des Humusgehaltes einpendelt, richtet sich in erster Linie nach Standort und Bewirtschaftung. Praktisch entscheidend ist, Lösungen zu finden, die im Betrieb zu ansprechenden Erträgen führen. Wenn diese Erträge überwiegend aus organischer Substanz und ihrer standort- und kulturartengerechten Mobilisierung entstehen, können Bodenmikroben parallel zur Stickstofffreisetzung genügend Substanz für Humus-Regeneration zurücklegen.