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Wie viel verträgt der Markt noch?

Wie viel verträgt der Markt noch?

1. November 2018Markt & PolitikPresse-ArtikelConrad Thimm

Die Nachfrage nach Biogetreide wächst kontinuierlich. Das betrifft vor allen Dingen Futterware. Und die wird vor allem importiert. Lässt sich das ändern? Conrad Thimm wirft einen Blick auf den Biogetreidemarkt.

Vor fast 30 Jahren stellte Ernst-Friedemann von Münchhausen seinen 250 ha Ackerbaubetrieb in Schleswig-Holstein auf Bio um. Als er 1992 das erste anerkannte Biogetreide verkaufen wollte, gründete er die Gut Rosenkrantz Handelsgesellschaft mbH, um es besser zu vermarkten. Heute bewirtschaftet er 650 ha im Ökolandbau in Schleswig-Holstein und Sachsen-Anhalt, setzt nach eigenen Angaben in der Handelsgesellschaft 45 Mio. € jährlich um und zusätzlich 15 Mio. € in der Gut Rosenkrantz Bio Futter GmbH & Co. Insgesamt handelt er rund 50 000 t Biogetreide jährlich. Das Beispiel zeigt, welch hohen Stellenwert die »richtige« Vermarktungsstrategie im Ökosegment hat.

Während Münchhausen zu Beginn in Norddeutschland fast nur die Bohlsener Mühle als größeren Bio-Abnehmer vorfand, hat sich das Vermarktungsumfeld inzwischen gewandelt. In fast allen Regionen Deutschlands gibt es heute eine Vielfalt an Abnehmern verschiedener Größenordnungen. Die größte Bio-Erzeugergemeinschaft Deutschlands ist die Marktgesellschaft der Naturland Bauern AG, die 900 Biobetrieben gehört, mit 2 000 Betrieben zusammenarbeitet und zuletzt rund 72 Mio. € umgesetzt hat. Viele Bio-Handelsgesellschaften tragen in ihrem Namen den Namen eines Anbauverbandes, beschränken sich jedoch im Handel nicht auf diese Verbandszugehörigkeit. Die Vermarktungsgesellschaft Bioland Schleswig Holstein arbeitet beispielsweise mit 140 Betrieben der Verbände Bioland, Demeter und Naturland zusammen. Getreide vermarktet sie nur regional, während sie bei Gemüse bundesweit agiert.

Die Vermarktung von Biogetreide ist nach wie vor kein Selbstläufer.

— Conrad Thimm, Berater und Moderator, Bio2030-Mitmach-Tagungen

Deutschland ist bei Biogetreide ein Importland. Dirk Vollertsen, Geschäftsführer der Bioland Markt GmbH & Co., kennt sich bei den Biogetreide-Warenströmen sehr gut aus. Die von ihm zusammengestellte Übersicht 1 zeigt, dass Deutschland im Biobereich bei allen Getreidearten mehr verbraucht als selbst erzeugt. Daher muss entsprechend importiert werden. Einzige Ausnahme bildet Dinkel, über dessen internationalen Handel kaum Zahlen existieren, obwohl er als »Spelt« in den USA vor allem im Biobereich eine wichtige Rolle spielt.

Übersicht 1: Biogetreideerzeugung, Verbrauch und deutscher Importbedarf (in 1 000 t). Quelle: Dirk Vollertsen, Bioland Markt GmbH & Co.

2016/2017WeltEUD VerbrauchD AnbauD Import
Weizen3 1001 300410300110
Roggen36834815314013
Hafer9916061229428
Gerste38727311510015
Dinkel89
Körnermais2 730380824834
Leguminosen365733439
Sojabohnen/-kuchen92013263657
Sonnenblumen/-kuchen1658152250

Auffällig ist, dass der bei Weitem größte Importbedarf mit 110 000 t jährlich beim Weizen besteht, wofür es unter Biobedingungen immerhin einer Anbaufläche von 25 000 bis 35 000 ha bedarf. Hinzu kommt, dass im Bioanbau Winterweizen meist nicht mehr als 20 %, höchstens 25 % der Fruchtfolge belegt. Und selbst im Wechsel mit Sommerweizen sind es zusammen höchstens 40 bis 50 %. Mit einer Marktsättigung ist unter diesen Umständen nicht so schnell zu rechnen, zumal mit der zunehmenden Nachfrage von Bio-Milchvieh- und Legehennen-Haltern nach Futtergetreide der Bedarf eher schneller steigt als die Erzeugung.

Für Biofutter besteht ein hoher Importbedarf auch bei Soja mit 57 000 t, bei Sonnenblumen mit 50 000 t und bei Leguminosen mit 39 000 t. Obwohl die N-Fixierung der Leguminosen und die Auflockerung der Fruchtfolgen im Biolandbau einen hohen Stellenwert haben, reichen die erzeugten Mengen nicht aus. Die Gründe dafür sind, dass einerseits die Biofutter-Nachfrage stark wächst und andererseits die Ertragsunsicherheiten bei diesen Kulturen ähnlich groß sind wie im konventionellen Anbau. Außerdem ist die Fruchtfolgebedeutung der Körnerleguminosen für den Bioanbau nicht mit der von Kleegras zu vergleichen.

Die wichtigsten Herkunftsländer für Biogetreide sind laut Diana Schaack von der AMI Rumänien, die Ukraine und Italien. Biofutter-Spezialist Rudolf Joost Meyer zu Bakum merkt an, dass der Export der erheblichen Biogetreidemengen aus Russland nicht in den Statistiken auftaucht, weil er durch die Ukraine, die Türkei und die Staaten des Baltikums abgewickelt wird. Seit die EU die Bio-Importkontrollen verschärft hat, stehen erhebliche Anteile der Ware aus der Ukraine nicht mehr für die EU zur Verfügung, sondern gehen in die USA. Auch dort wächst der Biomarkt stetig. 42 % des Bio-Sojas, das 2013/14 importiert wurde, kam laut AMI aus China. Aber auch unsere EU-Nachbarländer Dänemark, Schweden, die Niederlande und Österreich benötigen für ihre wachsenden Bio-Tierhaltungen erhebliche Futterimporte.

Chancen bietet Bio-Körnermais. Hier gibt Dirk Vollertsen einen Importbedarf von 34 000 t an. Das Wachstumspotential ist erheblich, weil viele Biobauern auch im Norden Deutschlands beim Körnermais ähnliche Erträge wie konventionelle Betriebe in der Region einfahren. Das liegt an dem gegenüber Getreide späteren N-Bedarf des Maises. Für ihn kommt die natürliche Mineralisation im Jahresverlauf genau richtig. In Niedersachsen stieg laut Kompetenzzentrum Ökolandbau Niedersachsen der Bio-Körnermaisanbau 2018 um 1 000 ha auf über 4 500 ha an. Auch wenn das teilweise dem nassen Herbst 2017 geschuldet ist, in dem die Bestellung einer Winterung vielerorts nicht möglich war, so lässt sich hier auch ein Trend erkennen.

Mehr Futtergetreide als Konsumgetreide. Auch im Biomarkt wird laut AMI in Deutschland mit 630 000 t jährlich mehr als doppelt so viel Futtergetreide abgesetzt wie Konsumgetreide (283 000 t). Der starke Anstieg der Bio-Legehennen- und -Milchviehhaltung treibt den Futterabsatz weiterhin. Im Jahr 2016 wurde Biofuttergetreide so knapp, dass sogar Dinkel im Trog landete. Im ersten Halbjahr 2017 hat dann der vermehrte Futteranbau zu Engpässen bei den reinen Biofuttermühlen und -mischern sowie deren Lagerkapazitäten geführt. Große, überwiegend konventionelle Mischer wie z. B. die GS Agri aus Weser-Ems haben in dieser Zeit ihr Bio-Geschäft ausgeweitet, und andere Große sind in den Biomarkt eingestiegen. Seither schärfen die reinen Bio-Player ihr Profil und beschäftigen sich intensiv mit Strategien, die ihre eigene Marktposition in dem sich radikal ändernden Umfeld stärken. Einen Vorteil haben einige von ihnen durch bessere Kenntnisse der Vertrauenswürdigkeit von ausländischen Lieferanten. Ein Bio-Zertifikat ist dabei nicht ausreichend. Mancher Großhändler, der neu ins Biosegment eingestiegen ist, musste hier erhebliches Lehrgeld zahlen, denn als »Bio« zertifizierte Ware konnte nach Intervention der Bio-Kontrollstelle oder der Behörde nur noch als »konventionell« vermarktet werden.

Die Futtermühlen und -mischer können im Biobereich einheimisches Getreide nur eingeschränkt durch Importe ergänzen. Laut EU-Bio-Verordnung müssen mindestens 20 % der Biofuttermischungen »aus der Region« stammen. In Deutschland gelten als Region das eigene Bundesland sowie die direkt angrenzenden Bundesländer. Andererseits bedeutet das, dass mit jeder Tonne regionaler Ware 4 t Importware verarbeitet werden können. Eine weitere Einschränkung besteht beim Verband Bioland, bei dem in zugekauftem Biofutter nur zu maximal 30 % Umstellungsware enthalten sein dürfen.

Was passiert mit Umstellungsware? In den ersten beiden Jahren der Umstellung dürfen die Erzeugnisse laut EU-Verordnung noch nicht als »Bio« oder »Öko« gekennzeichnet und als solche verkauft werden. Beim Biofutter ist jedoch der Einsatz von Umstellungsware erlaubt und übliche Praxis für Umstellungsbetriebe, um das niedrigere Ertragsniveau preislich auszugleichen.

Hannes Schumacher zum Beispiel hat seinen 160 ha Ackerbaubetrieb mit Schweinemast in Schleswig-Holstein im Jahr 2012 umgestellt und von Anfang an sein Getreide an GS Agri nach Weser-Ems geliefert und die Futtermischung für seine Schweine von dort bezogen. Mit diesem Modell war er so zufrieden, dass er nach der Umstellungsphase keinen Grund sah, dies zu ändern. Viele Biobauern in Norddeutschland beliefern Bio-Legehennenhalter in Weser-Ems und erhalten die Nährstoff-Äquivalente im Hühnertrockenkot (HTK) zurück.

Brotgetreide bringt den Erzeugern im Schnitt 25 bis 30 % mehr in die Kasse (Übersicht 2). Allerdings ist die Vermarktung für die Erzeuger, die einen guten Preis erzielen wollen, oft nicht so einfach. In vielen Regionen gibt es auch im größeren Umkreis nur eine geringe Auswahl an potentiellen Abnehmern.

Übersicht 2: Derzeitige Preise für Bioware (€/t)

ErzeugerpreiseBrotgetreideFuttergetreideAbschlag Futter : Brotgetreide (%)
Weizen43034026,5
Gerste (Brau-/ Futtergerste)43033030,3
Roggen/ Triticale40032025,0
Hafer38030026,7
Eiweißfuttermittel/ Ölsaaten
Ackerbohne/ Futtererbse450
Lupine475
Raps900
Sojakuchen860

Engpass Lager und Aufbereitung

Wer kein eigenes Lager und keine eigene Getreide-Aufbereitung hat, ist gut beraten, rechtzeitig einen Liefervertrag abzuschließen. Denn das einfache »Abkippen« bei Genossenschaft oder Landhandel in der Nähe klappt bei Bio höchst selten. Bei eigenem Lager, das bisher konventionell genutzt wurde, besteht allerdings ein erhebliches Risiko von Actellic-Rückständen, die sich dann auch in der Umstellungs- oder Bioware fänden. Kein Abnehmer würde von einem neuen Lieferanten Ware beziehen, ohne sie auf entsprechende Rückstände zu prüfen.

Aber auch der Bau eines gemeinsamen Bio-Getreidelagers ist kein Selbstläufer, wie Dirk Saggau vom Sturmhof bei Schwerin erfahren musste. Er bewirtschaftet mit seiner Frau einen 300 ha-Bioland-Ackerbaubetrieb mit 30 Bullen, Futter-/ Mistkooperationen mit einem Bio-Hähnchen- und einem kleinen Bio-Legehennenbetrieb und Ferienwohnungen. Zusammen mit einigen Bio-Kollegen betreibt er ein 4 000 t Getreidelager, das anfangs erheblichen Ärger brachte und viel Geld und Nerven kostete, bis alles reibungslos lief.

Außerdem wächst der Bio-Konsumgetreide-Bereich in Deutschland derzeit kaum. Noch im Frühjahr 2017 meldete die AMI »Verkauf von Bio-Brot erneut gestiegen«, aber im September dieses Jahres hieß es dann »Nachfrage nach Bio-Brot zurückgegangen«. »Bio« macht da etwas verstärkt den allgemein zurückgehenden Brotabsatz-Trend mit. Es könnte aber auch damit zusammenhängen, dass immer noch rund 70 % des Bio-Brotes als lose Ware an der Bedientheke abgesetzt werden, während der Biomarkt in Deutschland seit einigen Jahren vor allem im LEH bei den Discountern, den Vollsortimentern und den Drogeriemärkten wächst, wo Bio-Brot meist nur als verpackte Ware in SB angeboten wird.

Eine mittel- oder gar langfristige Marktprognose gliche einem Blick in die Glaskugel. Der Bio-Anteil am deutschen Lebensmittelmarkt betrug 2016 rund 5,1 %, während der entsprechende Anteil in Dänemark bei 9,7 %, in Schweden und Österreich bei 7,9 % und in der Schweiz bei 8,4 % lag. Man sollte also auch in Deutschland ein weiteres Wachstum erwarten, zumal sich die Großen des LEH und auch die großen Drogeriemärkte sowie viele kleinere mit der Ausweitung ihres Biosortiments gegenseitig überbieten.

Der gesamte Biomarkt ist in Deutschland in den letzten 20 Jahren recht kontinuierlich gewachsen. Ausnahmen bildeten nur die Stagnationsjahre 2002/03 nach der Euro-Einführung und 2008/09 nach der Finanzkrise. Diese Stagnationsjahre laden zum Vergleich mit England ein. In den Jahren 2002/03 hat England einen ungebrochenen Bio-Boom erlebt. Durch die Finanzkrise 2007/08 wurde das Land aber so getroffen, dass die Bio-Umsätze auf 1,5 % zurückfielen und in der Zeit von 2010 bis 2015 die Bio-Fläche im Vereinigten Königreich um fast ein Drittel zurückging. Es muss also mit dem Anbau nicht immer zwingend bergauf gehen.

Und auch die Preise können sinken. Der Importanteil der vier Getreidearten liegt laut Übersicht 1 im Schnitt bei 18 %. Diese Lücke kann sich auch wieder schließen und zu deutlichen Preisabschlägen führen. Größer sind die Lücken hingegen bei Mais, Leguminosen sowie Soja und Sonnenblumen. Manche Biobauern setzen aus Preis-/ Sicherheitsgründen ganz bewusst auf diese Kulturen. Tückisch wird es für Biolandwirte, wenn die Biopreise vor sich hin dümpeln, während die konventionelle Landwirtschaft boomt und die Pachtpreise entsprechend explodieren. So war die Situation 2014. Das Auslaufen von Pachtverträgen hat seinerzeit einige Biobauern zum Aufgeben gezwungen. Derzeit ist allerdings kein neuer Boom des konventionellen Ackerbaus in Sicht. Im Gegenteil, die Grenzen der alten Strategien und Konzepte werden deutlich, ohne dass neue allgemeingültige zu erkennen wären.

Verbands-Bio versus EU-Bio

In der öffentlichen Diskussion in Deutschland wird Bio oft mit »Verbands-Bio« gleichgesetzt, also der Erzeugung unter dem Dach der großen Anbauverbände Bioland, Biopark, Demeter, Naturland und anderen. Gemessen an der Anzahl der Betriebe spielt jedoch das nicht-verbandsgebundene »EU-Bio« nach EU-Verordnung in Deutschland mit 14 344 Betrieben fast die gleiche Rolle wie Verbands-Bio (14 830 Betriebe). Allerdings beträgt die dazugehörige EU-Biofläche mit 505 839 ha nur rund 58 % der Verbands-Biofläche von 870 070 ha. Das weist darauf hin, dass im Schnitt vorrangig kleinere Betriebe und Teilbetriebe nach den EU-Bio-Vorgaben wirtschaften. Außerdem sind die staatlichen Bioförderungen je ha besonders attraktiv für extensive Grünlandbetriebe in Mittelgebirgen, die im Markt keine Prämien für ihre Erzeugnisse erhalten. In den meisten anderen Ländern ist das anders. Dort spielen private Richtlinien neben der EU-Bio-Verordnung keine Rolle.

In Deutschland legt der Naturkosthandel schon seit den 1980er Jahren Wert auf Verbandszugehörigkeit der Erzeuger und lobt das auch auf den Labeln aus. Inzwischen ziehen selbst die großen Discounter Aldi und Lidl Verbandsware EU-Bio vor. Die Bio-Mühlen und Erzeugergemeinschaften werben bei den Erzeugern für Verbands-Bio mit mittelfristigen Verträgen, etwas höheren Preisen und einer größeren Liefersicherheit.

Die Nachfrage nach Biogetreide wird weiter stärker steigen als das Angebot, aber wahrscheinlich nicht so sehr bei Brotgetreide, Umstellungsware und EU-Bio.