Zum Inhalt springen
Zurück zum Wissensarchiv

Der Markt in Norddeutschland bleibt spannend

1. Juli 2021Markt & PolitikPresse-Artikel

Die Biogetreidefläche ist in den vergangenen Jahren stetig gewachsen. Für die Ernte 2021 zeichnet sich beim Dinkel eine preisliche Entspannung ab, beim Weizen lassen steigende Biomehlverkäufe im LEH die Nachfrage steigen.

Bioackerbau ist im Aufwind. Zwischen 2015 und 2019 wuchs die nach den Regeln des Ökolandbaus bewirtschaftete Ackerfläche in Deutschland um annähernd 60 % auf 0,7 Mio. ha. Auf der Hälfte davon wächst Ökogetreide. Wie sieht es beim Biogetreide kurz vor Beginn der neuen Saison aus? Im Gespräch mit Conrad Thimm und Gustav Alvermann von bio2030.de geben Johanna und Louisa von Münchhausen Einblicke in den Markt in Norddeutschland.

Beim Dinkel hat sich der Markt von einer Preisspitze kommend in den vergangenen Wochen entspannt. Zwischen 800 und 850 €/t seien in der Spitze für Dinkel im Spelz drin gewesen, so Louisa von Münchhausen von der Gut Rosenkrantz Handelsgesellschaft für Naturprodukte in Neumünster. Kernpreise von bis zu 1,50 € pro kg resultierten in Mehlpreisen von knapp 2 €/kg. Bei einem solchen Niveau endet die Zahlungsbereitschaft vieler Kunden. Zwischen Ende Mai und Mitte Juni hat sich die Situation deutlich entspannt.

Beim Dinkel wird die neue Ernte sehr erwartet, da die Läger leer sind und es nur einen knappen Ernteanschluss gibt. Die Frage ist, wann die Ernte beginnt – die kühle Witterung im Mai lässt für den Norden Deutschlands auf einen tendenziell späteren Erntebeginn schließen. »Als Mühle haben wir den Anspruch, in den Monaten Juli bis teilweise Oktober auch noch mit alter Ernte produzieren zu können«, so Louisa von Münchhausen. Das neue Getreide muss sich erst setzen, sonst bekommen Industrieverarbeiter und Bäcker Qualitätsprobleme. Johanna von Münchhausen ergänzt, dass bei den Landwirten noch kleinere Roggenmengen liegen, aber leider sind die Fallzahlen mit Werten über 280 Sek oft zu hoch. Die Vorbereitungen auf die Ernte stehen im Fokus.

Die Biowinterungen in Norddeutschland stehen insgesamt gut da. Das gilt für Wintergerste und Dinkel stärker als für Winterweizen, der an der Westküste eher schlecht steht, auf leichteren Standorten aber besser entwickelt ist. Roggen macht sich im Norden West- und Ostdeutschlands eher rar, die Bestände zeigen sich aber auch hier gut entwickelt.

Beim Biodinkel lässt sich aus den Saatgutverkäufen eine umfangreiche Ernte ableiten. Große Preissprünge sind hier nicht zu erwarten. Ein zweites Jahr mit den hohen Preisen des Vorjahres würden viele Verarbeiter wohl auch nicht mitmachen. Ein normales Niveau von 440 bis 500 €/t erscheint wahrscheinlich.

Beim Weizen steigt der Absatz von Biomehl in Haushaltspackungen im LEH. Diese Entwicklung war bereits vor Corona zu beobachten, die Pandemie hat diesen Trend aber verstärkt. Damit steigt die Nachfrage nach schwächeren Qualitäten mit Feuchtkleberwerten zwischen 20 und 23. Diese sind neben der Keks- und Pizzaherstellung auch für die Haushaltspackungen gefragt. Die Möglichkeit der Verarbeitung schwacher Qualitäten ist gegeben, es dürfte also nur wenig Weizen ins Ökofutter fließen. Futterweizen war zuletzt geprägt von Umstellungsware, die erzielbaren Preise lagen kaum über konventioneller Ware. Seit im konventionellen Bereich Musik drin ist, steigen auch die Notierungen im Ökobereich deutlich. Durch die neue Ökoverordnung ist eine steigende Futternachfrage absehbar (100 %-Biofutter und Bruderhahnaufzucht). Ein starker Preiseinbruch ist damit unwahrscheinlich.

Beim Roggen war nach zwei Jahren mit geringeren Anbauflächen mit einer Flächenausdehnung gerechnet worden. Diese Erwartung hat sich trotz stabiler Nachfrage nicht erfüllt. Preissteigerungen werden die Folge sein. Ob die Verarbeiter bereit sind, Preise oberhalb der Kalkulationsbasis von 200 bis 250 €/t zu bezahlen, bleibt abzuwarten.

Die Haferbestände zeigen sich sehr unterschiedlich. Von »sehr gut« bis »im Beikraut ertrinkend« ist alles dabei. Spät gesäte Flächen sehen besser aus. Der Hafermarkt geht erstmals seit fünf Jahren mit Überbeständen in die neue Ernte. EU-Bioware ist ab 250 €/t erhältlich, Verbandsware liegt um die 300 €/t nacherntig. Am Beispiel Hafer zeigt sich auch, dass der Biomarkt in der EU vernetzt ist: Der Hafer (oder Roggen), der in Polen oder Dänemark wächst, beeinflusst die Preise bei uns (vor allem bei EU-Ökoware).

Biobraugerste ist in Norddeutschland kein Thema. Der Ökobierabsatz brach 2020 ein, weil wegen Corona keine Konzerte und andere Großveranstaltungen stattfanden. Außerdem sitzt die Mehrzahl der Biobrauereien in Süddeutschland. Der Transport per LKW dorthin ist zum einen kostspielig, zum anderen geben die Brauereien regionaler Bioware den Vorzug.

Podcast

Der Beitrag basiert auf einem Podcast von den Veranstaltern der »Bio 2030 Mitmach-Tagungen« – Conrad Thimm und Gustav Alvermann im Gespräch mit Johanna und Louisa von Münchhausen von der Gut Rosenkrantz Handelsgesellschaft und Futtermühle. Diesen und weitere Podcasts können Sie im Internet nachhören unter: dlg-mitteilungen.de/mediathek/podcast